Seit 50 Jahren ist die Kindertagesstätte „Max & Moritz" in Leipzig-Dölitz ein verlässlicher Ort für Kinder, Familien und pädagogische Fachkräfte. Das Jubiläum ist ein schöner Anlass, auf die Entwicklung der Einrichtung zu blicken – und zugleich auf das, was sie bis heute auszeichnet: ein starkes Miteinander, gelebte Gemeinschaft und eine Pädagogik, die Kinder in ihrer Individualität ernst nimmt.
Für diesen Rückblick wurden zwei Frauen befragt, die die Kita aus unterschiedlichen Perspektiven kennen und geprägt haben: die ehemalige Leiterin Martina Scharff, die die Einrichtung zehn Jahre lang leitete, sowie die heutige Leiterin Patricia Hofmann.
Was macht diese Kita für Sie persönlich zu einem ganz besonderen Ort?
Martina Scharff
Ein besonderer Ort entsteht für mich nicht nur durch die Ausstattung allein, sondern durch die Menschen, die ihn gemeinsam als Team und den Eltern mit ihren Kindern gestalten. Eine Kita wird aus meiner Sicht dann besonders, wenn die Kinder dort jeden Tag erfahren, dass sie willkommen sind, gesehen werden und dort wachsen und Selbstvertrauen gewinnen können mit einem tollen Team von pädagogischen Fachkräften.
Patricia Hofmann
Diese Kita ist für mich ein besonderer Ort, weil hier seit 50 Jahren Kinder lachen, spielen, lernen und Gemeinschaft erleben. Die großzügigen Räume, das weitläufige Außengelände und vor allem die Menschen, die diesen Ort mit Leben füllen, machen die Kita zu etwas Einzigartigem. Ich begleite die Einrichtung seit 2014 als Leiterin und erlebe jeden Tag, wie Kinder hier wachsen und sich entfalten können.
Was war oder ist die größte Freude an Ihrer Aufgabe als Leiterin?
Die alltäglichen Momente – das Lachen der Kinder, ihre Begeisterung Neues zu entdecken und die Rückmeldung der Eltern, dass ihr Kind gerne in die Kita kommt und wir gemeinsam als Team dafür den Rahmen geschaffen haben.
Ein Team zu begleiten und gemeinsam pädagogische Ziele entwickeln, eine Atmosphäre schaffen, in der sich Kinder, Eltern und Fachkräfte wohlfühlen, gemeinsam Neues entwickeln und sich im Team damit auseinandersetzen. Das war für mich Herausforderung und Freude zugleich.
Die größte Freude ist für mich, Kinder auf einem wichtigen Abschnitt ihres Lebens begleiten zu dürfen und ihre Entwicklung mitzuerleben. Gleichzeitig erfüllt es mich, gemeinsam mit meinem Team pädagogische Ideen umzusetzen und Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich Kinder, Familien und Mitarbeitende wohlfühlen.
Welche Veränderungen haben die Kita und die Arbeit mit Kindern im Laufe der Jahre besonders geprägt?
Besonders geprägt haben die Kita die stärkere Orientierung an der Individualität der Kinder, die engere Zusammenarbeit mit den Eltern, die zunehmende Vielfalt der Familien sowie die wachsenden Bildungs- und Dokumentationsanforderungen (Digitalisierung). Gleichzeitig sind Themen wie Inklusion, Partizipation und Kinderschutz heute viel stärker in den Mittelpunkt gerückt.
Die Anforderungen an Kindertageseinrichtungen sind deutlich vielfältiger geworden. Themen wie Inklusion, Partizipation, Sprachförderung und Bildungsdokumentation haben an Bedeutung gewonnen. Ein wichtiger Meilenstein für unsere Kita war außerdem die Einführung des offenen Konzepts vor einem Jahr. Dadurch haben die Kinder noch mehr Möglichkeiten, ihre Interessen selbstbestimmt zu verfolgen und die verschiedenen Bildungsräume zu nutzen.
Im Mittelpunkt stand für mich immer das Kind. Was sich verändert hat, sind die Rahmenbedingungen und Anforderungen. Was geblieben ist, sind die Bedeutung von Vertrauen, Respekt und liebevolle Begleitung und einer Umgebung, in der sich Kinder sicher fühlen und wachsen können.
Dafür benötigen wir konstante Teams und pädagogische Fachkräfte, die mit Herzblut die den Entwicklungsweg der Kinder mit den Eltern begleiten. Die Anforderungen an Fachkräfte sind durch die zunehmende Dokumentation, Qualitätsentwicklung und die gesellschaftlichen Veränderungen deutlich gestiegen.
Unverändert wichtig ist eine vertrauensvolle Beziehung zu den Kindern, Wertschätzung, Geborgenheit und die individuelle Begleitung jedes einzelnen Kindes. Kinder brauchen Menschen, die ihnen zuhören, sie ernst nehmen und ihnen zutrauen, ihre Welt aktiv mitzugestalten. Das war früher wichtig und ist es heute genauso.
Welche besonderen Momente, Feste oder Ereignisse verbinden Sie ganz besonders mit der Kita?
Wenn ein Team gemeinsam Herausforderungen meistert und daran wächst – Ein Kindergarten wächst mit Krippenkindern zusammen, aus zwei Häusern wird eine gemeinsame Einrichtung, Integration und Hort wird aufgebaut, neuer Bildungsplan, pädagogische Qualitätsentwicklung – stetige Entwicklung im Team (zusammenwachsen).
Natürlich auch gemeinsame Sommerfeste bei denen stets die Fachkräfte für die Kinder und Eltern ein Märchen/Geschichte in einem Programm gestaltet haben (Bremer Stadtmusikanten, Alarm im Kasperletheater, Traumzauberaum, Max und Moritz u.v.m.); Teilnahme an der Bewerbung der Stadt Leipzig zur Olympiateilnahme – eigene Kinderolympiade; 30Jahr Feier der Kita in einer Turnhalle mit 730 Teilnehmern – die Kinder haben mit ihrer Erziehern und Erzieherinnen den Karneval der Tiere musikalisch mit eigens gestalteten Kostümen dargestellt. Die Kleinsten bis zu den Größten sowie die Fachkräfte und die Leitung waren aktive Mitwirkende.
Es gibt viele besondere Erinnerungen: Sommerfeste, Abschiedsfeiern der Vorschulkinder, Projekte und gemeinsame Aktionen mit Familien. Ein besonderer Meilenstein ist das 50-jährige Bestehen unserer Kita. Solche Jubiläen zeigen, wie viele Generationen von Kindern diesen Ort bereits geprägt haben und wie wichtig die Kita für die Gemeinschaft ist.
Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Eltern im Vergleich zu früher beziehungsweise zu heute verändert?
Die Rollen waren früher klarer getrennt. Der Austausch mit den Eltern beschränkte sich auf Elternabende, Tür- und Angel-Gespräche, Feste und Feiern. Heute werden Eltern als wichtige Partner in der Bildung und Entwicklung ihrer Kinder gesehen. Eltern wünschen sich mehr Transparenz und Beteiligung am Kita Alltag, digitale Kommunikationswege ermöglichen einen schnelleren Informationsaustausch. Familien sind vielfältiger geworden, wodurch die individuelle Zusammenarbeit an Bedeutung gewonnen hat und mehr Zeit in Anspruch nimmt. Unterschiedliche Erziehungsvorstellungen, Zeitmangel oder hohe Ansprüche können die Zusammenarbeit anspruchsvoller machen.
Die Zusammenarbeit mit Eltern ist heute noch stärker von Partnerschaft und Austausch geprägt. Familien wünschen sich Transparenz und Mitgestaltung, was ich als sehr wertvoll empfinde. Gleichzeitig sind die Lebenssituationen von Familien vielfältiger geworden, sodass eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit eine immer wichtigere Rolle spielt.
Welche Herausforderungen gehörten oder gehören zum Leitungsalltag, die Außenstehende oft gar nicht sehen?
Dienstpläne erstellen, Vertretungen organisieren, neue Mitarbeitende einarbeiten, Teams begleiten, Konflikte lösen, kurzfristige Lösungen finden um den Kitabetrieb aufrechtzuerhalten, Aufsichtspflicht und Sicherheit, Kinderschutz, Hygiene, Einhaltung gesetzlicher Vorgaben (Datenschutz, Arbeitssicherheit….), , Dokumentation, Budgetplanung und Verwaltung, Statistiken, Behördenkontakte, Trägervorgaben, Umsetzung Bildungspläne, Organisation von Weiterbildungen, Zusammenarbeit mit Eltern – Fingerspitzengefühl, die Sorgen oder Konflikte erfordern, klare Kommuniktion, Konzeptentwicklung, strukturelle Veränderungen brauchen Zeit Geduld und Überzeugungskraft.
Die größte unsichtbare Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass der Alltag für Kinder, Eltern und die pädagogischen Fachkräfte wie auch für das technische Personal möglichst reibungslos funktioniert – gerade dann, wenn im Hintergrund vieles gleichzeitig gelöst werden muss.
Eine besondere Herausforderung besteht oft darin, ständig zwischen verschiedenen Rollen zu wechseln – Führungskraft, Pädagogin, Organisatorin, Ansprechpartnerin für Eltern, Vermittlerin bei Konflikten und manchmal auch Krisenmanagerin.
Leitungsalltag, die Außenstehende oft gar nicht sehen?
Viele Menschen sehen vor allem die Arbeit mit den Kindern. Hinter den Kulissen gehören jedoch zahlreiche organisatorische Aufgaben dazu: Personalplanung, Qualitätsentwicklung, gesetzliche Vorgaben, Verwaltungsaufgaben und die Begleitung von Veränderungsprozessen. Die Herausforderung besteht darin, all diese Aufgaben zu koordinieren und gleichzeitig den Blick für die Bedürfnisse der Kinder und des Teams zu behalten.
Wenn ehemalige Kita-Kinder zurückkommen und von ihrem Weg erzählen, oder auch den Weg als pädagogische Fachkraft selbst einschlagen, wenn Familien ihre Dankbarkeit ausdrücken und das auch nach vielen Jahren. Ich bin stolz auf die Entwicklung der Kita. Dazu gehören Qualität, ein engagiertes und gut zusammenarbeitendes Team, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Familien und eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Natürlich waren und werden auf diesem Weg auch Hürden zu überwinden und Konflikte zu lösen sein. Veränderungen in einer Kita. bringen unterschiedliche Erwartungen und Perspektiven von Mitarbeitenden, Eltern und Träger mit sich. Wir haben es meist in einem offenen Dialog, gegenseitigem Respekt und der Bereitschaft, gemeinsam Lösungen zu finden, gemeistert. Rückblickend haben die Herausforderungen immer ein Team gestärkt und wichtige Impulse für die Weiterentwicklung gegeben.
Ich bin besonders stolz darauf, dass wir uns als Einrichtung kontinuierlich weiterentwickeln und dabei unsere Werte bewahren. Die erfolgreiche Einführung des offenen Konzepts zeigt, dass wir Veränderungen mutig gestalten können. Außerdem freue ich mich über das engagierte Team und darüber, dass unsere Kita für viele Familien ein Ort des Vertrauens und der Wertschätzung ist.
Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft dieser Kita und für die kommenden Generationen von Kindern?
Eine starke Anerkennung/Wertschätzung frühkindlicher Bildung, da diese einen wichtigen Grundstein für das Leben bildet. Damit verbunden sollte jedes Kind, unabhängig von seinen individuellen Voraussetzungen die gleichen Chancen erhalten. Hierfür benötigen wir ausreichend qualifiziertes Personal und entsprechende Gruppengrößen. Unterstützung von Familien in einer zunehmenden komplexen und schnelllebigen Gesellschaft. Respektvoller Umgang miteinander und eine wertschätzende Kommunikation.
Ich wünsche mir, dass unsere Kita auch in Zukunft ein Ort bleibt, an dem Kinder sich angenommen, wertgeschätzt und frei entfalten können. Dabei sollen die Werte Solidarität, Vielfalt und Offenheit jeden Tag spürbar sein – im Miteinander der Kinder, Familien und Mitarbeitenden. Mit Leidenschaft und Kompetenz möchten wir Kinder weiterhin auf ihrem Weg begleiten, ihre Stärken fördern und ihnen die Möglichkeit geben, die Welt neugierig, selbstbewusst und verantwortungsvoll zu entdecken. Für die kommenden Generationen wünsche ich mir vor allem eine glückliche Kindheit voller Gemeinschaft, Vertrauen und unvergesslicher Erfahrungen.
Wenn Sie die Kita in einem Satz beschreiben müssten: Wofür steht sie für Sie?
Für mich steht eine Kita. für ein starkes Miteinander von Kindern, Familien und Fachkräften, die die Kinder auf ihrem Weg wertschätzend begleitet. Ein Ort volle Freude, Neugier und gemeinsamer Entwicklung. Die Kita war für mich immer mehr als ein Arbeitsplatz.
Unsere Kita steht für ein lebendiges Miteinander, geprägt von Solidarität, Vielfalt und Offenheit, getragen von Leidenschaft und Kompetenz – ein Ort, an dem Kinder ihre Welt selbstbewusst und mit Freude entdecken können.
Ein herzliches Dankeschön an alle Kinder, Familien, Mitarbeitenden und Wegbegleiter*innen, die die Kita „Max & Moritz“ in den letzten 50 Jahren geprägt haben. Wir freuen uns auf alles, was kommt – mit Neugier, Herz und einem starken Team an der Seite.

Martina Scharff (l., ehemalige Leiterin der Kita Max & Moritz) übergibt Patricia Hofmann (r., aktuelle Leiterin) einen Gutschein zum 50-jährigen Jubiläum der Kindertagesstätte, (c) A. Pauels


