Die Volkssolidarität feiert 80 Jahre – und die Regionalverbände Leipzig und Wurzen wurden vor 35 Jahren neu gegründet. Von der Hilfsaktion gegen Wintersnot 1945 bis zu Kitas, Pflege, Wohnen und Nachbarschaftshilfe heute: Wir zeigen, wie Solidarität Generationen verbindet.
1945–1949: Nicht klagen, sondern anpacken
Im Herbst 1945 waren Millionen Menschen obdachlos. Vertriebene aus den Ostgebieten, Kriegswaisen, Menschen, deren Wohnung im Bombenhagel zerstört wurden – sie alle fürchteten sich vor dem nahenden Winter.
Am 17. Oktober 1945 unterzeichnete ein Bündnis aus Parteien, Kirchen und Gewerkschaften in Dresden den Aufruf „Volkssolidarität gegen Wintersnot!“ Das Aktionsbündnis packte an, damit die Menschen nicht zwischen Trümmern leben und hungern mussten.
Leipzig & Wurzen: Helfen, wo Not am größten ist
In Leipzig begann die Aktion am 2. November 1945; der Thomanerchor begleitete die Eröffnung, organisiert von Oberbürgermeister Dr. Erich Zeigner und Frau Dr. Goerdeler.
Die Volkssolidarität versorgte bedürftige Leipziger:innen und 80.000 Umsiedler:innen mit Nahrung, Kohle, Obdach, Hausrat und Weihnachtsgeschenken. Außerdem räumte das Bündnis Tag und Nacht Kriegstrümmer aus der Stadt.

Siegfried Steinicke, 1945 Vorsteher der Ortsgruppe Wahren, schaffte damals Kohle heran:
„Die [Straßenbahner] überließen uns dann mehrfach sonntags ganz früh zwei offene Lore-Wagen. Mit denen fuhren wir – liegend, damit wir nicht runterkullerten – bis vor die Tore der Stadt, in den Süden, wo die Braunkohle gefördert wurde. Leute von dort und wir hackten die Kohle ab, luden sie auf den Wagen. Spät abends waren wir dann wieder zurück in Wahren. (…) Und da hat keiner nach Geld gefragt.“
1950–1970: Solidarität im Wandel
Die Volkssolidarität wird zur Massenorganisation, der Fokus verändert sich: Im Mittelpunkt steht die „Altenarbeit“ und Idie "Veteranenklubs"
Die Grundversorgung der Bürger:innen war gegen Ende der 1940er Jahre erreicht. Die Staatsführung der 1949 gegründeten DDR zog die Auflösung der Organisation in Betracht, sah aufgrund der großen Beliebtheit in der Bevölkerung aber davon ab. Stattdessen wurde die Volkssolidarität in eine Massenorganisation umgewandelt.

Die Bahnhofsdienste übergab die Volkssolidarität an das Deutsche Rote Kreuz. Im Mittelpunkt stand nun die „Altenarbeit“ – also die Betreuung älterer Personen und deren Integration in das soziale und politische Leben. Dafür waren die „Veteranenklubs“ verantwortlich, auf die der Staat personell und ideologisch Einfluss nahm.
Leipzig & Wurzen: Gemeinschaft und Engagement
Am 28. Juli 1959 eröffnete der erste Veteranenklub der Stadt Leipzig in der Gaststätte Rudelsburg, Ludwigstraße 113.
Die Volkssolidarität Wurzen übergab den Bahnhofsdienst 1957 an die Deutsche Reichsbahn und richtete 1958 Klubräume im alten Rathaus ein. 1960 bezog sie die Villa in der Alten Nischwitzer Straße 4, bevor sie 1966 schließlich in der Straße des Friedens 18 unterkam.
Minna Ackermann aus Paunsdorf verteilte 1969 noch mit 85 Jahren Essen an bettlägerige Nachbar:innen, vermittelte Pflegeplätze und sammelte Spenden. Sie sagte damals der LVZ:
„So lange es noch mit der Gesundheit klappt, bin ich zur Stelle, wenn man mich braucht.“
1970–1990: Der Weg zur Massenorganisation
Mit der Machtübernahme Erich Honeckers 1971 wurde die Sozialpolitik auf die Jugend ausgerichtet – zum Nachteil der Älteren! Dadurch wurde die „Altenarbeit“ der Volkssolidarität umso wichtiger.
Die Mitgliederzahlen explodierten zu dieser Zeit, was unter anderem politische Gründe hatte: So war der Titel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ an eine Mitgliedschaft gebunden.
Leipzig & Wurzen: Die Gemeinschaft wächst
Auch in Leipzig stieg die Mitgliederzahl an. Einen Höhepunkt erreichte sie 1986 mit 52.850 Personen. Auch die Zahl der Mitarbeitenden war beachtlich: 1989 waren in Leipzig 550 Hauswirtschafter:innen in 40 Brigaden beschäftigt.
In Wurzen wurde das Gebäude in Straße des Friedens 18 saniert. 1974 arbeiteten für die Volkssolidarität Wurzen 19 Hauswirtschaftshilfen und 83 Pfleger:innen.

Barbara Ebisch, von 1977–2004 Klubleiterin in Leipzig-Südost, erinnert sich an die Essensausgabe in den 1980er Jahren:
„Es wurden täglich ungefähr 140 Portionen Essen ausgegeben. (…) Zum Transport dienten Kinderwagen. Oft kam noch eine warme Decke darüber und ab ging die Fuhre. Die letzten Essen waren immer schon kalt, wenn sie bei den Betreuten eintrafen und mussten nochmals aufgewärmt werden.“
1990 – 2010: Alles auf Anfang
Der politische Wandel durch die Wiedervereinigung Deutschlands 1989/90 machte auch vor der Volkssolidarität nicht halt. 1990 entstanden neue selbstständige Regionalverbände der Volkssolidarität, meist als gemeinnützige Vereine.
Die Mitgliederzahlen brachen um 75 % ein. Viele Arbeitskräfte, darunter Hauswirtschafter:innen, mussten entlassen werden.
Allerdings erweiterte sich das Leistungsangebot durch die Aufnahme von Einrichtungen für Kinder- und Jugendliche und für Wohnungslose.
Leipzig & Wurzen: Neugründung und neue Struktur
Der Volkssolidarität Stadtverband Leipzig e. V. wurde am 5. April 1990 gegründet. Im selben Jahr nahm er „Essen auf Rädern“ und eine Telefonhotline für den Hilfsdienst in sein Angebot auf.
1994 und 1996 übernahm die Volkssolidarität Leipzig zwei Altenpflegeheime, für die im Jahr 2000 der Ersatzneubau „Sonnenschein“ errichtet wurde.
Ein Meilenstein war die Eröffnung des ersten betreuten Wohnens „Engertgarten“ 1996. 1998/99 wurde die Begegnungsstätte in der Eutritzscher Straße zur Tagesstätte für Obdachlose umgebaut.
1994 öffnete die „Ehe‑, Familien- und Jugendberatungsstelle“ in Wurzen, die bis heute besteht.
In Leipzig begann die Tätigkeit für Kinder und Jugendliche 1996. Damals übernahm die Volkssolidarität 5 Kindertagesstätten von der Stadt Leipzig und sicherte so langfristig Jobs und Betreuungsplätze.

Eberhard Schulreich, erster Vorstandsvorsitzender des 1990 gegründeten Stadtverbandes Leipzig spürte 1989/90 eine große Verunsicherung unter den Mitgliedern:
"Die Frage war: 'Wie geht es weiter – ist unsere soziale Arbeit überhaupt noch wichtig?' (…) Es herrschte das Bild vor, wir seien nur 'für die Alten' da. Wir haben uns Mitte der 1990er Jahre entschieden, an unsere Tradition, auch für Kinder und junge Familien da zu sein, anzuknüpfen. Damals wie heute arbeiteten wir sehr gut mit dem Jugendamt der Stadt Leipzig zusammen.“
2010–2025: Neue Herausforderungen
Während die Zahl älterer Menschen stetig zunahm, sorgte ein überraschender Geburtenanstieg nach Jahren rückläufiger Kinderzahlen für einen Mangel an Betreuungsplätzen.
Zwischen 2020 und 2023 hielt die Corona-Pandemie die Welt in Atem. Als Träger von Kindertagesstätten und Altenpflegeheimen war die Volkssolidarität in besonderem Maße gefordert.
Leipzig & Wurzen: Kindertagespflege und Pandemie
Leipzig war zeitweise die am schnellsten wachsende Stadt in Deutschland. Vor allem junge Menschen zogen an die Pleiße, was eine starke Nachfrage an Betreuungsplätzen für Kinder zur Folge hatte.
Zwischen 2010 und 2021 öffnete die Volkssolidarität daher 3 neue Kitas in Leipzig. Außerdem unterstützte sie mehrere Tagesmütter und ‑väter. 2021 eröffnete die „Kinderwohngruppe Südvorstadt“, die den dort lebenden Kindern ein familienähnliches Zuhause schaff.
Leipziger Senior:innen durften sich über viele neue Einrichtungen für betreutes Wohnen freuen.

Besuchsverbote, Hygienevorschriften und Notbetreuung in Kitas bestimmten das Jahr 2020. Ehrenamtliche sagten im Namen der Volkssolidarität mit dem Kontakttelefon „Gemeinsam statt einsam“ der Isolation den Kampf an. Mit den ersten Impfungen 2021 in den Heimen kehrte Hoffnung zurück.
Lars Dyniak, damals Pflegedienstleiter im Altenpflegeheim Sonnenschein erinnert sich:
„Corona war insbesondere für Bewohner:innen und Mitarbeitende in Altenpflegeheimen eine herausfordernde Zeit. Um der Vereinsamung unserer Bewohnerschaft etwas entgegenzusetzen, veranstalteten wir zum Beispiel Balkonkonzerte. Die Musikschaffenden musizierten im Hof und unsere Bewohner:innen hörten vom Fenster und von den Balkonen aus zu.“
2023 fusionierte der Stadtverband Leipzig mit dem Regionalverband Wurzen.
Das jüngste Projekt unseres Vereins ist der Stützpunkt „LebensWert“ in der Kieler Straße. Es wird sicher nicht die letzte Neueröffnung des Volkssolidarität Leipzig-Wurzen e. V. gewesen sein.
Was uns die Geschichte lehrt
Zusammenhalt macht stark – damals wie heute. Gerade in unsicheren Zeiten ist Solidarität mehr als ein Wort. Sie ist gelebte Verantwortung füreinander. Die kommenden Jahre werden neue Aufgaben bringen, doch mit dem Mut und Engagement der vergangenen acht Jahrzehnte kann unsere Gemeinschaft auch die Zukunft gestalten.

80 Jahre Volkssolidarität in Leipzig und Wurzen (C) Archivmaterial Volkssolidarität Leipzig-Wurzen e. V.




























