Mit einem Lächeln im Gesicht geht vieles leichter: Für Personal und Bewohner*innen die Belastung im Pflegealltag zu reduzieren, ist eines der Ziele des Pilotprojektes „Humor in der Pflege“. Dieses Modellprojekt verändert derzeit das Altenheim „Sonnenschein“ (Foto: Friederike Stecklum). Mit einem Lächeln im Gesicht geht vieles leichter: Für Personal und Bewohner*innen die Belastung im Pflegealltag zu reduzieren, ist eines der Ziele des Pilotprojektes „Humor in der Pflege“. Dieses Modellprojekt verändert derzeit das Altenheim „Sonnenschein“ (Foto: Friederike Stecklum).

Zwei Per­so­nen tau­chen am Ende des Flu­res im Alten­pfle­ge­heim „Son­nen­schein“ der Volks­so­li­da­ri­tät Leip­zig auf. Im Gegen­licht sind nur ihre Umris­se zu sehen, doch beim Näher­kom­men fal­len ihre roten Nasen mit den Gum­mi­bän­dern ins Auge. „Sie sind da, sie sind da“, ruft Heim­be­woh­ner Herr Walt­her, reißt die Arme nach oben und beginnt zu jubeln. Die bei­den, die so freu­dig begrüßt wer­den, sind die Clow­nin­nen Lulu und Muk vom ROTE NASEN Deutsch­land e. V. Ihr Besuch steht ganz im Zei­chen des beson­de­ren Modell­pro­jekts „Humor in der Pfle­ge – für die see­li­sche Gesundheit“.

Das drei­jäh­ri­ge Gemein­schafts­pro­jekt der AOK Plus und der ROTEN NASEN fin­det im Pfle­ge­heim „Son­nen­schein“ seit einem Jahr statt. Es ist einer der drei sta­tio­nä­ren Pfle­ge­ein­rich­tun­gen in Sach­sen und Thü­rin­gen, die dar­an teil­neh­men. Ziel ist es, zu zei­gen, dass Humor erlernt und bewusst ein­ge­setzt wer­den kann, um die Resi­li­enz zu stär­ken und die Her­aus­for­de­run­gen im Pfle­ge­all­tag zu bewäl­ti­gen. Der Blick liegt dabei auf allen Betei­lig­ten glei­cher­ma­ßen: Den Mit­ar­bei­ten­den, den Bewohner*innen sowie den Angehörigen.

 

Tur­bu­len­te Clownvisite
Wie das in der Pra­xis aus­sieht, demons­trie­ren die bei­den Clow­nin­nen ein­drück­lich bei ihrer heu­ti­gen Visite.

Clownin Lulu (links im Bild) und (rechts im Bild) zeigen bei ihrer Visite ganzen Einsatz (Foto: Friederike Stecklum).

„So freund­lich wol­len wir immer begrüßt wer­den, das machen wir gleich noch mal“, schlägt Clow­nin Lulu vor und diri­giert Herrn Walt­her und die Foto­gra­fin in eine Rei­he, damit sie sich für eine La-Ola-Wel­le posi­tio­nie­ren. Arme flie­gen in die Luft und ein lau­tes „Heeeey“ geht durch den Raum – die Auf­merk­sam­keit der Senio­rin­nen und Senio­ren, die gera­de im gro­ßen Auf­ent­halts­raum bei Kaf­fee und Kuchen sit­zen, ist ihnen nun sicher.

So tur­bu­lent wie die Begrü­ßung geht die Clown­vi­si­te wei­ter. Clow­nin Muk spielt einen lang­sa­men Wal­zer auf ihrer Uku­le­le wäh­rend Lulu und Herr Walt­her dazu tan­zen. Sie klet­tern auf Stüh­le, ver­glei­chen Ober­arm­mus­keln, zie­hen die Schu­he aus. Herr Walt­her blüht im Zusam­men­spiel mit den Clow­nin­nen regel­recht auf und die ande­ren Heimbewohner*innen stim­men durch Zwi­schen­ru­fe, Geläch­ter und Anfeu­ern in das Spiel ein. Dabei gilt stets: Alles kann, nichts muss – in die Inter­ak­ti­on mit den Clow­nin­nen steigt nur ein, wer auch Lust dazu hat.

 

Fokus auch auf dem Wohl­erge­hen der Mitarbeitenden
Neben den vier­zehn­täg­li­chen Clown­vi­si­ten für die Bewohner*innen steht eben­so das Wohl­erge­hen der Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter des „Son­nen­scheins“ im Fokus. Der Hin­ter­grund hier­für ist ein erns­ter: Men­schen, die in Pfle­ge­be­ru­fen arbei­ten, sind über alle Krank­heits­ar­ten hin­weg häu­fi­ger krank­ge­schrie­ben als ande­re Berufs­grup­pen. Das Wis­sen­schaft­li­che Insti­tut der AOK (WldO) unter­mau­er­te dies in einer Ana­ly­se vom August 2022: Psy­chi­sche Erkran­kun­gen, die mit Burn­out in Ver­bin­dung ste­hen, sind bei Pfle­ge­kräf­ten deut­lich ver­brei­te­ter als in ande­ren Berufs­grup­pen. Die Burn­out-Rate liegt um 68 Pro­zent höher als im Durchschnitt.

Damit es nicht so weit kommt, müs­sen neue Prä­ven­ti­ons­stra­te­gien ent­wi­ckelt wer­den. Hier setzt „Humor in der Pfle­ge“ an. „Das Modell­pro­jekt lie­fert uns wert­vol­le Impul­se und bie­tet ins­be­son­de­re unse­ren Mit­ar­bei­ten­den eine neue Sicht auf die Din­ge: Sie sehen, dass Humor ein tol­les Werk­zeug ist, um mit mehr Leich­tig­keit den Arbeits­tag und stres­si­ge Situa­tio­nen zu bewäl­ti­gen“, sagt Tan­ja Tref­furth, Lei­te­rin Sozia­le Diens­te der Volks­so­li­da­ri­tät Leip­zig. Des­halb wer­den die Pfle­ge­kräf­te in Zusam­men­ar­beit mit den ROTEN NASEN in ganz­tä­gi­gen Work­shops zu soge­nann­ten „Humor- Agent*innen“ ausgebildet.

 

Eine Humor-Agen­tin im Einsatz
Eine der ers­ten Absol­ven­tin­nen ist nach einem Jahr Sozi­al­be­treue­rin Sus­an Rich­ter. „Anfangs war ich skep­tisch und hat­te etwas Angst, mich im Arbeits­all­tag als Clown ver­klei­den zu müs­sen. Die­se Angst war aber unbe­grün­det“, erzählt sie. Viel­mehr geht es dar­um, Humor als Hal­tung ein­zu­neh­men und Situa­tio­nen aus ande­ren Per­spek­ti­ven zu beleuch­ten. Wie sie das im All­tag umsetzt, erklärt Sus­an Rich­ter: „Neu­lich war es stres­sig und da haben wir im Team beschlos­sen, wir müs­sen uns zur Auf­mun­te­rung einen ‚Schmid­ti‘ geben. Das haben wir im Humor-Work­shop erfun­den.“ Schon macht sie vor, wie das aus­sieht: Sie gibt sich einen Kuss auf den Dau­men und drückt sich die­sen auf die Schul­ter. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Es ist nur eine klei­ne Ges­te, aber sie hebt die Lau­ne und lässt sich auch anwen­den, wenn nie­mand ande­res da ist, um posi­ti­ve Ener­gie zu geben.

Außer­dem ist die frisch geba­cke­ne Humor-Agen­tin nun bei der Arbeit mit den Pflegeheimbewohner*innen expe­ri­men­tier­freu­di­ger. So kommt etwa ein Glücks­schwein zum Ein­satz. Eigent­lich ein schnö­des grun­zen­des Gum­mi­schwein ver­brei­tet es in den Hän­den von Sus­an Rich­ter gute Stim­mung. „Ich ver­sprü­he damit unsicht­ba­res Glück. Den Bewohner*innen hat es Spaß gemacht und sie haben es sogar gestrei­chelt.“ An einem ande­ren Tag hat sie in die Arbeit mit den Senior*innen Scherz­bril­len inte­griert. Klar ist dabei stets, dass der Ein­satz von Humor tages­form­ab­hän­gig ist und die Bedürf­nis­se der Akteur*innen respek­tiert werden.

 

Posi­ti­ve Überraschungen
Manch­mal kommt es dabei zu Über­ra­schun­gen. „Wir haben eine Bewoh­ne­rin, die ich schon meh­re­re Jah­re ken­ne, und bei ihr waren die Clowns zur Visi­te. Ich dach­te, dass sie das bestimmt nicht gut fin­det und uns vor die Tür setzt“, erzählt Sus­an Rich­ter. Das Gegen­teil war der Fall: Die Bewoh­ne­rin reagier­te sehr posi­tiv und ging auf die Inter­ak­ti­on mit den Clowns ein. „Das hat mich sehr bein­druckt“, sagt die Sozi­al­be­treue­rin. Die Lern­ef­fek­te aus dem Humor-Semi­nar nimmt sie so ernst, dass die Work­shop-Unter­la­gen stets griff­be­reit auf ihrem Schreib­tisch lie­gen – falls sie ihr Wis­sen auf­fri­schen will. Von ihrer anfäng­li­chen­Skep­sis ist nichts mehr übrig und sie resü­miert: „Ich habe noch vie­le Jah­re vor mir. War­um also nicht Neu­es aus­pro­bie­ren, was mir für die Arbeit hel­fen kann?“

 

Beglei­ten­den­de wis­sen­schaft­li­che Studie
Ob und wie das Pro­jekt den Arbeits­all­tag und die Lebens­qua­li­tät im Pfle­ge­heim ver­än­dern wird, ist Gegen­stand der beglei­ten­den wis­sen­schaft­li­chen Stu­die der Euro­pa-Uni­ver­si­tät Flens­burg. Die Wis­sen­schaft­le­rin­nen Prof. Dr. Tabea Scheel und Lau­ra Korock eva­lu­ie­ren „Humor in der Pfle­ge“. Bis die ers­ten Ergeb­nis­se zu erwar­ten sind, zeigt sich zumin­dest schon im Klei­nen – inmit­ten grun­zen­der Glücks­schwei­ne, tan­zen­der Bewohner*innen und tröst­li­cher „Schmid­tis“ – die posi­ti­ve Kraft von Humor als Werkzeug.

 

Autorin: Frie­de­ri­ke Stecklum
Die­ser Arti­kel ist zuerst im Maga­zin "anspiel."- Aus­ga­be 14 | Sep­tem­ber 2023 – des Pari­tä­ti­schen Wohl­fahrts­ver­ban­des Sach­sen erschie­nen. Sie kön­nen Ihn auch hier lesen.